Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik

Einstellungsbildung zu wissenschaftsbezogenen Themen

 

E-Democracy (Teilprojekt zu Echokammern und populistischer Kommunikation, Mitarbeiter: Dominic Burghartswieser / Forschungsinitiative Rheinland-Pfalz)https://west.uni-koblenz.de/de/research/e-democracy

The Effects of Trait-Based Personalization in Social Media (Marketing Science Institute, mit Ewa Maslowska, Universität Amsterdam)

The Social Side of News: Einstellungsbildung und -äußerung in sozialen Netzwerkseiten unter Einfluss von Impression Motivation (DFG-Projekt / Abgeschlossen: 2015-2018, durchgeführt an der Universität Duisburg-Essen und der Universität Amsterdam)

 

Soziale Netzwerkseiten (SNS) wie Facebook haben sich zu Plattformen entwickelt, in denen Personen zunehmend mit Nachrichten und gesellschaftlichen Debatten in Berührung kommen. Im Unterschied zur klassischen Nachrichtenrezeption kennzeichnet sich die neue Medienumgebung durch eine Annäherung von Massen- und Individualkommunikation sowie durch eine hohe Sichtbarkeit der Handlungen des einzelnen Nutzers. Basierend auf dem Heuristisch-Systematischen Modell (HSM) der Informationsverarbeitung und der hohen Bedeutung von Impression-Management-Prozessen wurde die These entwickelt, dass ins SNS bereits die Bewertung einkommender Informationen stärker von Überlegungen zu Mehrheitsmeinung und positiver Selbstdarstellung beeinflusst wird als bei üblicher Nachrichtenrezeption, da ein späterer sozialer Austausch in größerem Maße antizipiert wird. Zusätzlich könnte die Zurschaustellung der eigenen Einstellung (selbst wenn sie zunächst nur aus sozialen Gründen erfolgte) eine Internalisierung auslösen, die durch positives Feedback im Netzwerk verstärkt wird.

Um diese Annahmen zu prüfen, wurden vier laborexperimentelle Studien durchgeführt, für die realitätsnahe Social-Media-Settings entwickelt wurden. Variiert wurden die Argumentqualität der rezipierten Artikel, die Valenz von User-Kommentaren/User-Feedback sowie der mediale Kontext (SNS vs. „Web 1.0“-Settings oder Print). Studie I zeigte, dass das reine Eingeloggt-Sein bei Facebook keinen signifikant anderen Verarbeitungsmodus auslöste, aber die situative Erwartung einer späteren Diskussion im Netzwerk zu einer höheren Impression Motivation sowie einer Vernachlässigung der Argumentqualität führte. Die Befunde von Studie II legen deutliche persuasive Effekte von User- Kommentaren nahe, die sich allerdings sowohl in sozialen Netzwerken als auch in klassischen Online- Nachrichtenseiten zeigten. In den Studien IIIA und B, die die Meinungsäußerung in verschiedenen Kontexten behandelten, zeigte sich, dass Personen den Inhalt ihrer Äußerung an die dargestellte Mehrheitsmeinung anpassen und sich ihre privaten Einstellungen nach der Äußerung in Richtung der Valenz des Postings bewegten. Dieser Effekt war bei einer Facebook-Gruppe mit hoher zukünftiger Interaktionswahrscheinlichkeit stärker als bei niedriger Wahrscheinlichkeit, trat aber prinzipiell auch in „Non-Social-Media“-Settings auf. Dies könnte dahingehend interpretiert werden, dass relevante SNS-Publika entsprechende Internalisierungsprozesse verstärken.

Aus theoretischer Sicht wird die Eignung der Postulate des HSM zur Impression-motivierten Verarbeitung, um das komplexe Zusammenspiel von Ursprungsbotschaft, User-Kommentaren und medialem Kontext beschreiben zu können, sowie zur Integration von Forschung zu öffentlicher Selbstdarstellung deutlich. Allerdings zeigt sich, dass nicht der SNS-Kontext per se, sondern spezifische Eigenschaften der Situation (Erwartung einer SNS-Diskussion, Salienz von Kommentaren, relevantes SNS-Publikum) die Impression-motivierte Einstellungsbildung und -äußerung fördern. Die Ergebnisse zeigen zukünftigen Forschungsbedarf auf, etwa zur Verarbeitung kontroverserer Themen und zur Eingrenzung der relevanten SNS-Charakteristika. Aus gesellschaftlicher Perspektive liefern sie relevante Hinweise zur Frage, unter welchen Umständen es durch SNS zu einer Fokussierung auf „populäre“ Meinungen kommt, bei der es weniger auf gut begründete als auf massentaugliche und mehrheitsfähige Positionen ankommt.

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